Cyberpunk 2077: Was uns Brasiliens Alterseinstufung über die Spielinhalte verrät

geschrieben von foobar am 28.04.2020, 19:20 Uhr

https://www.worldofcyberpunk.de/media/content/cp_2077_e3_2018_22_s.jpg

Wie wir im März berichteten, wurde Cyberpunk bei der europäischen PEGI und der amerikanischen ERSB zur Altersfreigabe eingereicht. Aber natürlich soll das Spiel auch noch in anderen Ländern der Welt erscheinen, die ebenfalls ihre jeweiligen Prüfgremien haben, um der vermeintlichen oder realen Verrohung der Sitten entgegen zu wirken und für die Aufrechterhaltung der historisch gewachsenen, regional teilweise unterschiedlichen und rational nicht immer zu rechtfertigenden Moralvorstellungen einzutreten.

Ein solcher Fall ist Brasilien. Anders als bei uns prüft dort keine halbstaatliche Selbstkontrolle der Medienwirtschaft, sondern das Justizministerium – also die Regierung direkt – vor welchen Dingen man die Jugend beschützen müsse. Der Prüfbericht des Spiels mit einer Beschreibung der Inhalte, die letztlich zur Einstufung: „Nicht empfohlen für Kinder unter 18 Jahren” geführt haben, hat nun seinen Weg in die Weiten des Internets gefunden. Die nach Schweregrad aufsteigend sortierte Liste lautet (Übersetzung aus dem englischen von uns):

  • Waffen ohne Gewaltanwendung (jeder)
  • Moderate oder angedeutete Nutzung legaler Drogen (jeder)
  • Waffen mit Gewaltanwendung (10+)
  • Gesetzesverstöße ohne Gewaltanwendung (10+)
  • Beschreibung des Konsums legaler Drogen (10+)
  • Abwertende Sprache (10+)
  • Verbale Aggression (12+)
  • Gewalttätige Akte (12+)
  • Sexuelle Befriedigung (12+)
  • Konsum legaler Drogen (12+)
  • Beschreibung von Gewalt (12+)
  • Darstellung von Gefahren (12+)
  • Darstellung von Leichen (12+)
  • Körperliche Verletzungen (12+)
  • Kraftausdrücke (12+)
  • Sexuelle Sprache (12+)
  • Blut (12+)
  • Beschreibung des Konsums illegaler Drogen oder Handel damit (14+)
  • Sexualisierung (14+)
  • Sexuelle Ausbeutung (14+)
  • Absichtlicher Tod (14+)
  • Nacktheit (14+)
  • Prostitution (14+)
  • Sexuelle Beziehungen (14+)
  • Konsum illegaler Drogen (16+)
  • Verstümmelung (16+)
  • Intensive sexuelle Beziehungen (16+)
  • Selbstmord (16+)
  • Grausamkeit (18+)

In den Klammern ist angegeben, was für den vorstehenden Inhalt die passende Altersfreigabe sein solle. Unter der Liste findet sich noch der Vermerk, dass es keine mildernden Umstände gäbe und der Konsum illegaler Drogen sowie die intensiven sexuellen Beziehungen durch die Gestaltung der jeweiligen Szene verschärft werde.

Natürlich muss man bei solchen inoffiziellen Leaks grundsätzlich vorsichtig sein, da Fälschungen immer möglich sind und insbesondere im Zusammenhang mit Cyberpunk 2077 bereits mehrere Enten die Runde machten (siehe z.B. auch hier). Laut den Berichten im Netz stammt das Dokument direkt von der Webseite des brasilianischen Justizministeriums, wurde dort aber inzwischen wieder entfernt, so dass wir diese Behauptung nicht selbst überprüfen können. Wie u.a. die GameStar argumentiert, könne man den Twitter-Post von Lead Quest Designer Paweł Sasko aber als indirekte Bestätigung auffassen. Dieser schreibt: „Seid ihr überrascht? Wir machen keinen Scheiß!

Und der Tenor der Liste kommt wirklich nicht überraschend. Vermutlich hat niemand, der sich im Vorfeld auch nur minimal über das Spiel informiert hat, einen Ponyhof mit rosa Plüschwolken und Bäumen aus Zuckerwatte erwartet.

Die Frage ist nun, was die Einstufung in Brasilien für die Freigabe in anderen Märkten und insbesondere natürlich hier bei uns in Deutschland bedeuten kann. Eine definitive Antwort müssen wir euch schuldig bleiben. Natürlich ist die deutsche USK nicht an die Einschätzungen der brasilianischen Prüfer gebunden. Wie wird bereits in der eingangs verlinkten Meldung schrieben, stört sich die USK bevorzugt an Themen wie Gewalt, während sexuelle Inhalte oft als nicht soooo kritisch eingestuft werden. Die in der Liste angesprochene Grausamkeit könnte also bei uns als Gewaltverherrlichung ebenfalls zu einer höheren Einstufung führen.

Aber natürlich wissen wir nicht, was genau die Prüfer in Brasilien nun so grausam finden und welche Distanzierungsmöglichkeiten dem Spieler geboten werden. Beispielsweise dürfte es einen Unterschied machen, ob das Spiel – sagen wir mal – Folter nur zeigt, aber im Kontext kritisch darstellt (etwas, das nur „die Bösen” machen) oder ob der Spieler selbst andere foltern muss.

Spekulieren ließe sich ferner, dass die aktuelle Rechtsaußen-Regierung in Brasilien vermutlich nicht das liberalste Justizministerium der Welt haben wird. Schließlich warb Jair Bolsonaro ja im Wahlkampf 2018 unter anderem damit, für „traditionelle Familienwerte“ zu stehen. Momentan steht er allerdings wegen seiner Handhabung der Coronakrise in der Kritik und der Oberste Gerichtshof des Landes hat Untersuchungen wegen Korruption und Strafvereitelung gegen ihn autorisiert. Gegen seine beiden Söhne wird unterdessen wegen Veruntreuung ermittelt. Würde ein Computerspiel wie Cyberpunk 2077 vor dieser harten innenpolitischen Realität unter dem Radar der Machthaber fliegen, oder wäre es willkommene Gelegenheit für die Regierung, Stärke und moralische Integrität gegenüber korrumpierenden auswärtigen Einflüssen zu zeigen, indem man das Spiel härter als nötig bewertet?

Letztlich können wir nur abwarten. Realistisch betrachtet läuft es wohl in Deutschland auf 16 oder 18 Jahre hinaus, eine Freigabe ab 12 Jahren erscheint eher unwahrscheinlich.


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